Solidaritätserklärung "terre des hommes"

Offener Brief von "terre des hommes" zum Arbeitskampf der Charité

Offener Brief an die Tarifparteien an der Charité Berlin

Als internationales Kinderhilfswerk fördert terre des hommes in vielen Ländern Projekte einheimischer Partnerorganisationen, die die Basisgesundheit von Kindern und eine verlässliche Gesundheitsversorgung für die Menschen sichern helfen. Wir verfolgen mit großer Sorge, dass aufgrund des Mangels an Pflegekräften in Deutschland von der Bundesregierung, der Bundesagentur für Arbeit oder auch dem Arbeitgeberverband Pflege(AGVP) verstärkt Pflegepersonal aus Ländern wie Vietnam, China, den Philippinen oder auch Tunesien nach Deutschland abgeworben wird. Dabei übersteigt die Versorgung der Bevölkerung mit medizinischem Personal in Deutschland diejenige von beispielsweise Vietnam ohnehin um mehr als das zehnfache.

Die Abwerbung aus dem Ausland birgt große Risiken für die Gesundheitsversorgung und damit die Kinder- und Müttergesundheit in den Herkunftsländern. So wissen wir aus den Erfahrungen unserer Arbeit, dass in unterversorgten Ländern schon ein zusätzlicher Arzt auf 1.000 Einwohner die Kindersterblichkeit mittelfristig um 15 Prozent und langfristig um 45 Prozent zu senken vermag. In Brasilien ist belegt, dass gerade die Zahl der Krankenpfleger einen maßgeblichen Einfluss auf die Kindersterblichkeitsraten in der ärmeren Bevölkerung hat.

Analysen weisen wiederkehrend darauf hin, dass der Auslöser für die systematische Abwerbung von Pflegekräften aus ärmeren Ländern bei den immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen und der hohen Arbeitsverdichtung in der hiesigen Pflege zu suchen ist. Viele junge Menschen in Deutschland wollen diesen Beruf nicht mehr ergreifen; gut ausgebildete und berufstätige Pflegerinnen und Pfleger wenden sich in großer Zahl von ihm 2 ab. Auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat jüngst in der „Bild am Sonntag“ mit Blick auf die Abwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland deutlich gemacht, dass es das Ziel der Bundesregierung sei "den Pflegeberuf so attraktiv zu machen, dass junge Menschen in Deutschland ihn nach der Schule gern ergreifen."

Als entwicklungspolitisch orientiertes Kinderhilfswerk begrüßen wir daher, dass die Tarifverhandlungen an der Charité erstmals explizit Fragen der Arbeitsqualität und der beruflicher Zufriedenheit in der Pflege mit einbeziehen. Wir betrachten dies als einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung der Gesellschaft über eine Problematik, die empfindliche grenzüberschreitende Wirkungen v.a. in solchen Länder hat, deren
Gesundheitsversorgungssysteme als prekär zu bezeichnen sind.

Wir wünschen Ihnen daher eine konstruktive und erfolgreiche Verhandlungsrunde, denn attraktive Arbeitsbedingungen in der Krankenpflege sind nicht nur für die Patienten und die Pflegekräfte in den deutschen Krankenhäusern von hoher Dringlichkeit, sondern auch ein wertvoller entwicklungspolitischer Beitrag zur Stabilisierung von Gesundheitssystemen in ärmeren Ländern.

Mit freundlichen grüßen

Heino Güllemann

Fachreferent Gesundheit

(C) 2013 ver.di - Fachbereich Gesundheit & Sozialeszuletzt aktualisiert: 27.06.2017