Pflegekräfte kritisieren mangelnden Gesundheitsschutz angesichts der Coronakrise
++Material- und Personalmangel in Berliner Krankenhäusern++

- Pressemitteilung des Berliner Bündnisses für mehr Personal im Krankenhaus
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Mangelnde Händedesinfektion aufgrund der hohen Arbeitsbelastung, fehlende Schutzausrüstungen und keine flächendeckenden Tests von Beschäftigten auf das Corona-Virus gefährden den Gesundheitsschutz der Beschäftigten und Patient*innen in unseren Krankenhäusern. „Jahrelange Sparvorgaben und Produktionsverlagerungen ins Ausland, haben zu einer maximal knappen Materialbevorratung geführt, sodass jetzt nicht genug vorhanden ist. Schutzkittel, Masken und Mundschutz müssen teilweise mehrfach verwendet werden. Dass sorgsam mit den knappen Ressourcen umgegangen werden muss, ist jedem klar, jedoch dürfen Hygienerichtlinien auf keinen Fall zu sehr aufgeweicht werden" sagt Anja Voigt, Krankenpflegerin in Berlin.

Diese teilweise prekären Verhältnisse existieren aber nicht nur in Krankenhäusern, sondern in allen Bereichen unseres Gesundheitswesens. Ambulante Pflegeeinrichtungen, Seniorenheime, Arztpraxen usw. überall herrscht Personal – und Materialmangel. Marcel Baltes, Geschäftsführer von Talea, ein Betreiber ambulanter Pflegedienste in Berlin, sagt dazu: "Wir haben uns bestmöglich vorbereitet, es gibt einen Notfallplan. Ein großes Problem aber stellen für uns die Lieferschwierigkeiten sowohl von Desinfektionsmittel, als auch von nötigem Schutzmaterial für unser Personal dar. Außerdem haben sich die Kosten für notwendige Arbeitsmittel drastisch erhöht, da gibt es inzwischen abenteuerliche Preise. Ohne diese Hygiene- und Schutzmaterialien werden wir aber die Versorgung von erkrankten Menschen nicht übernehmen können. Und das Ziel, Krankenhauseinweisungen möglichst zu vermeiden, kann so nicht erreicht werden.“

Das Coronavirus trifft das deutsche Gesundheitswesen in Zeiten von Pflegenotstand und Versorgungslücken, die ihre Ursache in der Ökonomisierung durch Fallpauschalen (DRGs) haben. Die Entscheidung der Kanzlerin und der Landesregierungen, alle verschiebbaren Operationen bis auf weiteres abzusagen, ist sinnvoll. Auch die Krankenhäuser durch Kompensationszahlungen von Wettbewerb und Sparzwang zu befreien, geht in die richtige Richtung und hat erkannt: der Markt wird es nicht richten. Wichtig ist, um das Überleben der ambulanten Pflegeeinrichtungen zu sichern, müssen auch hier die anfallenden Kosten refinanziert werden. Gabi Heise, ebenfalls Krankenpflegerin in Berlin, sagt dazu: „Jetzt ist es wichtig, dass die Beschäftigten aller Berufsgruppen bei der Umstrukturierung der Versorgungsabläufe einbezogen werden, damit hier kein Chaos entsteht.“ Darüber hinaus sei es wichtig, dass die Kompensationszahlungen keine Finanzspritze für private Krankenhauskonzerne würden, sondern den tatsächlichen Bedarf zur Versorgung der Bevölkerung abdecken. „Kurzum, wir brauchen eine Abschaffung der Fallpauschalen und eine vollständige Refinanzierung aller entstehenden Kosten, um die bevorstehenden Herausforderungen zu meistern“ so Heise weiter.

Auch für Anja Voigt steht fest: „Ich glaube, dass wir diese Krise meistern können, nicht weil das Gesundheitssystem gut darauf vorbereitet ist, sondern weil wir uns alle den Arsch aufreißen werden. Aber darauf kann sich ein Gesundheitssystem nicht dauerhaft stützen."

Pressekontakte:
Gabi Heise: 0176-96703711
Anja Voigt: 0172-3182206

(C) 2013 ver.di - Fachbereich Gesundheit & Sozialeszuletzt aktualisiert: 12.06.2020