Wir fordern vom Senat und den Klinikleitungen: Der Schutz der Beschäftigten und der Patient*innen muss an erster Stelle stehen.


Sehr geehrter reg. Bürgermeister Michael Müller,
sehr geehrte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci,
sehr geehrte Damen und Herren,

Wir befinden uns alle in einer für uns noch nie dagewesenen Situation. Die Corona
Pandemie trifft auch uns Beschäftigte im Krankenhaus hart. Wir bereiten uns auf eine
Situation vor, von der wir alle nicht wissen, wie sie abläuft. Niemand weiß das. Das
verunsichert viele.

Es werden bereits viele Maßnahmen eingeleitet, damit die Auswirkungen bei uns nicht
so massiv werden wie in anderen Ländern. Unser Gesundheitssystem wird vor eine
Zerreißprobe gestellt. Wir aber auch. Viele Entscheidungen, die in den letzten 20
Jahren im Gesundheitswesen getroffen wurden, gingen auf Kosten der Beschäftigten
und der Patient*innen. Unsere Krankenhäuser wurden zu Fabriken und Gesundheit
zur Ware. Die Folgen sind: Kolleg*innen flüchteten in die Teilzeit, wechselten ihren
Beruf oder den Arbeitsplatz, brannten aus oder wurden chronisch krank. Durch
Ausgliederung wurden Kolleg*innen in prekäre Beschäftigung gedrängt. Die Politik und
auch das Management ignorierten unsere Forderungen die Arbeitsbedingungen zu
verbessern. Es mangelt an Anerkennung und Wertschätzung. Es waren Streiks und
Proteste notwendig, damit man uns zuhört. Wirklich gelöst wurden unsere Probleme
aber nicht. Jetzt kommt noch die Krise oben drauf.

Es ist wichtig, dass wir zusammenhalten, solidarisch und fair miteinander umgehen.
Wir wissen seit Jahren wie es ist unsere Arbeit professionell unter erschwerten
Bedingungen zu leisten und wir werden nicht vergessen, wie diese Bedingungen
zustande gekommen sind.

Die Entwicklungen der nächsten Tage, Wochen und Monate können eine ungeahnte Dynamik aufweisen. Schauen wir auf China, Iran, Italien und Spanien, können wir nur erahnen, was demnächst auf uns im Gesundheitswesen zukommt. Es steht in unser aller Verantwortung, aus diesen Geschehnissen zu lernen und uns bestens vorzubereiten. Die Politik und die Gesellschaft fordern jetzt von uns Zusammenhalt und dass wir über unsere Grenzen hinausgehen - wieder einmal. Das werden wir auch tun mit vollster Verantwortung und höchster Professionalität. Aber wir fordern auch! Wir fordern jetzt, was notwendig ist, um diese Krise zu bewältigen und wir werden nach der Krise fordern, was notwendig ist, um eine gute Patientenversorgung und bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitssystem sicherzustellen.

Der Schutz der Beschäftigten und der Patient*innen steht an erster Stelle!! Dafür haben wir folgende Forderungen:

  • Ausreichend Schutzkleidung. Das Land Berlin muss einen Weg finden, Masken, Schutzkittel, Schutzbrillen, Handschuhe und Desinfektionsmittel zu produzieren – SOFORT!! Es ist bereits absehbar, dass die vorhandenen Bestände nicht ausreichen werden. Bayern und Baden-Württemberg machen es vor: dort werden Produktionsstätten umgerüstet.

  • Mehr Personal für alle an der Krankenversorgung beteiligten Bereiche durch schnelle und unbürokratische Einstellungen (Pflege, Ärzt*innen, Labor, Reinigung, Krankentransport, Medizintechnik usw.)

  • Feste Zuordnung von Reinigungspersonal auf die Stationen. Reinigungsflächen verkleinern, Sichtreinigung verbieten. Extra Personal für die Außenbereiche. Auch da muss mehrmals täglich gründlich gereinigt werden.

  • Wer krank ist, geht nicht arbeiten. Quarantäne muss auch für Krankenhausbeschäftigte gelten. In anderen Ländern zeigt sich, dass über Beschäftigte im Krankenhaus und anderen Einrichtungen das Virus verbreitet wird. Das darf nicht sein.


Forderungen zur Gesunderhaltung des Personals in dieser Krise müssen
unverzüglich auf den Weg gebracht werden:

  • Engmaschige Testung aller Beschäftigten nach Selbsteinschätzung der Erforderlichkeit.

  • Versorgung des Personals mit Multivitaminsaft und frischem Obst für jede Schicht, Bestellmöglichkeit für Essen (Lieferung im Patientenessenswagen).

  • Angebote zur kostenlosen Gesundheitsversorgung, der Rehabilitation und Physiotherapie.

  • Beschäftigte aus Risikogruppen, wie chronisch Kranke und ältere Beschäftigte müssen geschützt werden und sollten nicht in die direkte Versorgung von infizierten bzw. potenziell infizierten Patient*innen eingesetzt werden. Sie haben das Recht unter Beibehaltung der Eingruppierung und ohne sonstige Nachteile in nicht gefährdete/patientenferne Bereiche umgesetzt zu werden.

  • Die Mitarbeiter*innen der Krankenhäuser erhalten die Möglichkeit, auf dem Klinikgelände bzw. seiner direkten Umgebung kostenfrei Parken zu können * Es ist mit massiven Urlaubsausfällen und Verschiebungen in diesem Jahr zu rechnen. Resturlaube müssen bis 31.12.21 genommen werden können.

  • Für die Dauer der Corona-Krise erhalten die Krankenhaus-Mitarbeiter*innen eine Gefahren- und Belastungszulage für jeden tatsächlich geleisteten Dienst.

  • Mitarbeiter*innen, die sich nachweislich durch die dienstliche Tätigkeit mit dem Coronavirus infizieren, einen schweren Verlauf haben und dadurch dauerhaft geschädigt werden, erhalten eine steuerbefreite Unterstützung zusätzlich zu den anderen Sozial- und Versicherungsleistungen durch den Arbeitgeber. Im Todesfall erhalten die Hinterbliebenen eine Entschädigung.

  • Ausreichend psychologische Betreuung für belastete Beschäftigte, Patient*innen und Angehörige, um die Folgen von posttraumatischen Belastungsstörungen zu reduzieren.-

  • Die Charité zeigt uns, dass es gut ist, den Personalrat in Krisenstäbe vor Ort und übergreifend einzubinden. Das fordern wir für alle Interessenvertretungen bei Vivantes und den Töchtern der Charité.

Diese Krise macht deutlich, dass Marktlogik im Gesundheitssystem nichts zu suchen hat. Deswegen fordern wir darüber hinaus:

  • Volle Refinanzierung von Krankenhausleistungen inklusive Vorhaltung. Das schließt zusätzliche Medizintechnik, Material und zusätzliches Personal mit ein.

  • Das Finanzierungssystem der Fallpauschalen (DRGs) muss abgeschafft und durch eine kostendeckende Finanzierung ersetzt werden. Das gilt jetzt in der Krise, aber auch für die Zukunft. Nur so können Krankenhäuser ihrem Versorgungsauftrag nach guter Patientenversorgung gerecht werden.

  • Sofortige Rückführung aller Töchter. TVöD für alle jetzt.

  • Bessere Bezahlung aller Beschäftigten

Um diese Krise gemeinsam zu bewältigen, braucht es jetzt die Expertise und das Wissen derjenigen, die auf den Stationen und in den verschiedenen Bereichen der Krankenhäuser arbeiten. Dazu gehört auch ein enger Austausch mit den verantwortlichen Politiker*innen. Wir schlagen deswegen eine zeitnahe Beratung (per Videokonferenz) von Beschäftigten, der Gesundheitssenatorin und weiteren politischen Entscheider*innen vor, um die Punkte aus diesem Brief (und weitere) zu diskutieren.

Wir erwarten Ihre Rückmeldung.

Mit freundlichen Grüßen,

Giovanni Ammirabile (BR Vorsitzender Vivantes)
Conny Dewitz (Reinigungskraft, BR)
Manuela Dietzgen (Krankenschwester, BR, Vivantes Spandau)
Maren Frank (Labor Berlin)
Anke Galow (Krankenschwester, Vivantes Spandau)
Thomas Gerlach (Krankenpfleger, Charité)
Silvia Habekost, (Anästhesie-Pflegekraft, Vivantes Friedrichshain)
Ulla Hedemann (Kinderkrankenschwester, Charité)
Gabi Heise (ITS-Pflegekraft, BR, Vivantes Neukölln)
Marko Henke (ITS-Pflegekraft, Charité)
Juliane Hielscher (VSG Neukölln)
Andreas Hörath (Kraftfahrer, VSG)
Mareen Höwler (Krankenschwester ITS, Charité)Sabine Jandke (Physiotherapeutin, BR, Vivantes Friedrichshain)
Markus Könitzer (Anästhesie-Pflegekraft, Charité)
Cornelia Koop (Op-Schwester/ Personalrätin, Charité)
Sascha Kraft (CFM Betriebsrat)
Charlotte Ariane Krumbholz (Krankenschwester ITS, Charité)
Mario Kunze (Elektriker, BR, Vivantes Friedrichshain)
Christine Lachner (ITS-Pflegekraft Vivantes Urban)
Tom Lüdtke (ITS-Pflegekraft, Medizinstudent, Vivantes Urban)
Dana Lützkendorf (ITS-Pflegekraft, Charité)
Nicole Matzke (Krankenschwester, Charité)
Angelika Nickelmann (MTLA, Charité)
Torsten Paetzelt (Personalrat, Charité)
Hilkka Reichert-Grütter (Reha Vivantes)
Charlotte Rutz-Sperling (ehem. Ergotherapeutin, Vivantes Wenckebach)
Thomas v. Rüden (ITS-Pflegekraft, Charité)
Steffen Stricker (BR, Vivantes Neukölln)
Almut Rieger (Logopädin, Vivantes Friedrichshain)
Arnim Thomaß (Krankenpfleger, Charité)
Michel Tschuschke (Krankenpfleger, Vivantes Auguste Viktoria)
Daniel Turek (CFM Betriebsrat)
Anja Voigt (ITS-Pflegekraft, BR, Vivantes Neukölln)
Ulrich Wallrich (Klinik-Personalrat, Charité)
Nicole Weber (Labor Berlin)
David Wetzel (Krankenpfleger Onkologie, Charité)
Paul Wilde (Krankenpfleger KNK)
Aytug Yavas (Labor Berlin)
Ole Zehrt (Krankenpfleger Psychiatrie, BR, Vivantes Hellersdorf)
Kati Ziemer (GPR, CFM Betriebsrat)

Offener_Brief_Schutz_der_Beschaeftigten_Vivantes_Charite.pdf
(56,18 kB)

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