Uns mangelnde Verantwortung vorzuwerfen, zeugt von Blindheit

Brief einer Krankenpflegerin an Gunnar Schupelius

Antwort einer Krankenpflegerin auf Gunnar Schupelius B.Z.

Guten Tag Herr Schupelius,

ich habe ihren Artikel gelesen und bin so wütend und empört, dass ich zum ersten Mal einen Kommentar zu etwas Gelesenem schreibe.

Ich bin Krankenpflegerin auf einer großen Intensivstation und habe neben anderen Kollegen und Kolleginnen aus den verschiedensten Bereichen an beiden Warnstreiks teilgenommen.

Ich bin bei Vivantes angestellt. Hier gab es anders als bei der Charite eine Notdienstvereinbarung. Diese sah vor, dass alle Stationen für die Versorgung von Covid-19 Patient*innen vom Streik ausgenommen sind und auf den meisten anderen Stationen die Wochenendbesetzung gewährleistet werden musste. Zwischen der Besetzung unter der Woche und der am Wochenende gibt es allerdings kaum einen Unterschied. Daher kamen viele Kollegen und Kolleginnen aus ihrem Frei oder sogar Urlaub, um den Streik zu unterstützen. Auf einigen besonders streikbereiten Stationen galt die Nachtbesetzung als Grundlage. Nur auf diesen Stationen konnten einige Kolleg*innen aktiv ihren Dienst bestreiken und somit ihr Streikrecht wahrnehmen. Es wurden weder Betten gesperrt noch Operationen verschoben. Es war die gleiche Arbeitslast wie an jedem anderen Tag auch. Ausbaden mussten das die Kolleg*innen, die die Notbesetzung gestemmt haben.

Ist das fair? Ganz sicherlich nicht.
Sollte deshalb nicht gestreikt werden? Ganz sicherlich nicht.

Es wird nie den perfekten Moment geben, um in der Pflege bzw. im Gesundheitswesen zu streiken. Es wird immer Menschen geben, die krank sind und auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Dieser Verantwortung sind wir uns nur allzu gut bewusst. Es ist eine Verantwortung, die wir 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag tragen. Wir stehen Patient*innen bei, wenn sie Schmerzen haben und ihnen übel ist. Wir stehen ihnen bei, wenn sie schlechte Nachrichten bekommen und betreuen auch ihre Angehörigen und Freunde. Wir stehen Ihnen bei, wenn sie die ersten Schritte nach einer Operation machen oder im Bett auf einen Schieber müssen, weil sie nicht laufen können. Wir stehen ihnen bei, wenn sie nach der kurzen ärztlichen Visite noch Fragen haben oder ihre Therapie noch einmal erklärt bekommen möchten. Wir stehen ihnen bei Sorgen, Ängsten und Einsamkeit bei. Wir sorgen dafür, dass sie die richtigen Medikamente zur richtigen Zeit in der richtigen Dosierung bekommen. Wir sorgen dafür, dass für Operationen alles vorbereitet ist. Wir sorgen dafür, dass sie Essen und Trinken bekommen. Wir sorgen uns, um die Menschen, die wir betreuen.

Uns nun mangelnde Verantwortung vorzuwerfen, zeugt von Blindheit.
Während des Streiks vor unserem Haus haben wir ein Banner gemalt. Auf dem steht: "Es ist der Normalzustand, der die Patient*innen gefährdet, nicht der Streik".
Ich finde diesen Satz sehr passend. Denn der Normalzustand in unserem Gesundheitssystem ist erschreckend. Hören sie sich um. Sprechen sie mit Pflegekräften oder Physiotherapeut*innen, mit dem Patientenbegleitservice oder den operationstechnischen Assistent*innen. Alle werden ihnen gruselige Geschichten erzählen können. Geschichten, in denen Menschenleben gefährdet oder zumindest die Würde des Menschen nicht geachtet wurde. Und das nicht, weil wir, die wir im Gesundheitswesen arbeiten, unsere Verantwortung nicht kennen oder tragen, sondern weil wir in einem System arbeiten, das es uns häufig schlichtweg nicht ermöglicht, uns so um die Patient*innen zu kümmern, wie wir es sollten und auch wollen. Es gibt häufig Schichten, in denen wir rennen und rennen, machen und tun und trotzdem am Ende des Dienstes nicht alles geschafft haben, nicht zufrieden mit unserer Arbeit sind.

Wenn wir also streiken, dann tun wir das in erster Linie nicht, um mehr Gehalt zu bekommen.
Wir streiken, um Druck zu erzeugen, auf die Politik und die Verantwortlichen im Krankenhaus.
Wir streiken für mehr Personal, denn mehr von uns sind besser für alle.
Wir streiken für ein besseres Gesundheitssystem.

Wenn wir also streiken, dann nicht nur für uns, sondern für all die Menschen, die in ihrem Leben medizinische Versorgung benötigen und benötigen werden.
Wir streiken auch für Sie, Herr Schupelius.
Wenn sie also jemandem mangelnde Verantwortung vorwerfen wollen, dann den verantwortlichen Politiker*innen, der Klinikleitung von Charite und Vivantes, den privaten Krankenhauskonzernen und allen, die aus Gesundheit Profit schlagen.
Aber werfen sie das nicht uns vor.

Mit freundlichen Grüßen, Paula

(C) 2013 ver.di - Fachbereich Gesundheit & Sozialeszuletzt aktualisiert: 21.10.2020